Im Rahmen unserer Arbeit und im Kontakt mit Mitarbeitern in Behรถrden und im Bildungssystem tรคtigen Menschen stoรŸen wir hรคufig auf Unverstรคndnis und bemerken, dass es groรŸe Missverstรคndnisse und ein groรŸes Informationsdefizit zu den Themen โ€žSelbstbestimmte Bildungโ€œ und โ€žNatรผrlich lernenโ€œ gibt.

Daraus entstand die Idee, eine Briefaktion zu starten, die uns als Ansprechpartner fรผr diese Themen vorstellt und bereits erste Informationen zu den Rechten junger Menschen und unser Anliegen dazu mitteilt.

Die Bundeslandgruppe Bayern hat bereits im Mรคrz gestartet und 220 Briefe verschickt!
Weitere Arbeitsgruppen recherchieren ihre Adressen ebenfalls und werden die Briefe demnรคchst versenden.

Diesen Text haben die Adressaten erhalten:

Sehr geehrter Name des Empfรคngers,

der Bundesverband Natรผrlich Lernen e.V. setzt sich seit รผber 20 Jahren fรผr das Recht junger Menschen ein, sich selbstbestimmt zu bilden.

โ€žIch wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollteโ€œHermann Hesse, Damian

Wir mรถchten Mรถglichkeiten aufzeigen, wie Selbstbestimmte Bildung und natรผrliches Lernen parallel zum bestehenden Schulsystem funktionieren kรถnnen. Wir setzen uns fรผr die gleichwertige und gleichberechtigte gesellschaftliche und politische Haltung den jungen Menschen gegenรผber ein. Es geht uns unmittelbar um die jungen Menschen selbst, um deren Bildungsentscheidungen, die Wahrnehmung ihrer als Subjekt und die Umsetzung ihrer Rechte. Die Realisierung von freiheitlichen Grundrechten junger Menschen schlieรŸt Manipulation, Indoktrination, kรถrperliche und psychische Gewalt und Entwรผrdigung in jeder Hinsicht aus. Die freie Wahl der Bildungsform ist ein zentraler Bestandteil demokratischer Prozesse.

Unsere Vision:

Wir setzen uns auf Basis der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland dafรผr ein, dass jeder Mensch seinen eigenen Bildungsweg frei wรคhlen darf. Junge Menschen sind als vollwertige Menschen mit gleichen Grund- und Menschenrechten anzusehen. (siehe: Leitlinien des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans). Die Selbstbestimmte Bildung auรŸerhalb von Schulen kรถnnte, neben den freien und den staatlichen Schulen, die dritte Sรคule eines dynamischen pluralistischen Bildungssystems sein, das jedem Menschen sein Recht auf lebenslange Bildung garantiert. Wir vom BVNL e.V. sind der Auffassung, dass ein junger Mensch in einem vielschichtigen Umfeld aufwachsen, teilhaben, agieren und so von Anfang an gelebte Demokratie, Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmtheit am eigenen Leib erfahren darf. Dafรผr braucht es eine von Inklusion geprรคgte Gesellschaft, in der jeder Mensch ganz natรผrlich dazugehรถrt und seinen gewรผnschten Bildungsprozess aktiv mitgestalten darf. Die Wahl der Bildungsform ist ein unabdingbarer Bestandteil einer Demokratie.

Wir erinnern an dieser Stelle an die UN Generalversammlung, hier die Umsetzung der UN-Resolution 60/251 โ€žMenschenrechtsratโ€œ vom 15. Mรคrz 2006 und an den Artikel 13 des UN-Sozialpakts.

Ist diese Vision utopisch?

In den allermeisten Staaten dieser Welt gibt es legale Bildungsformen fernab des verpflichtenden Schulbesuchs. Hier leben und lernen viele Menschen jeden Alters durch verschiedene Bildungssettings. Heranwachsende lernen mit Begeisterung und aus eigenem Antrieb. Sie entdecken auf Grund ihres eigenen Interesses, aus eigener Neugier, auf ihre eigene Art, nach eigener Geschwindigkeit, an den von ihnen selbst gewรคhlten Orten und mit selbst gewรคhlten Partnern ihre Umwelt und entwickeln dabei ihre fachlichen und sozialen Kompetenzen. Unsere Vision ist nicht utopisch, sie ist, mit ganz wenigen Ausnahmen, in allen Lรคndern dieser Welt gelungener Alltag.

Und die fachlichen Kompetenzen?

Langjรคhrige Erfahrungen und zahlreiche wissenschaftliche Studien in diesen Staaten zeigen, dass diese natรผrliche Art der Bildung ohne Zwangsausรผbung und ohne Schulbesuch gelingt. Junge Menschen, die auรŸerhalb der Schule lernen, erreichen bei standardisierten Tests รผberwiegend bessere fachliche Ergebnisse als junge Menschen, die in der Schule lernen. Dies lรคsst sich u.a. auch an ihren Leistungen und Abschlรผssen an Hochschulen erkennen.

(Siehe Gรผnther Dohmen, Das informelle Lernen – Die internationale ErschlieรŸung einer bisher vernachlรคssigten Grundform menschlichen Lernens fรผr das lebenslange Lernen aller, Bundesministerium fรผr Bildung und Forschung, Bonn, 2001 und Alan Thomas & Harriet Pattison, Informelles Lernen โ€“ Wie Kinder zu Hause lernen, 2016)

Wie sieht es bei der Sozialkompetenz aus?

In wissenschaftlichen Studien wurde festgestellt, dass hinsichtlich des Sozialverhaltens und der sozialen Entwicklung von auรŸerschulisch lernenden jungen Menschen keinerlei negative Auffรคlligkeiten im Vergleich zu schulbesuchenden jungen Menschen festgestellt werden konnten.

(Siehe Gutachterliche Stellungnahme, Prof. Dr. Franco Rest, Professor fรผr Erziehungswissenschaften am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der FH-University of applied sciences and arts, Dortmund, 2009 und Jan Edel, Schulfreie Bildung, รœber die Vernachlรคssigung schulfreier Bildungskonzepte in Deutschland, 2007 und Thomaschke, R., 2018: Selbstbestimmte Bildung: Eine empirisch psychologische Perspektive. In M. Kern (Hrsg.): Selbstbestimmte Bildungswege als Kindeswohlgefรคhrdung? tologo verlag, Leipzig)

Und wie sieht die Realitรคt in Bayern aus?

Mittels der bestehenden Schulpflicht, die in Bayern als Schulzwang ausformuliert und umgesetzt ist, werden junge Menschen รผberwiegend als Objekte behandelt und nicht als Subjekte anerkannt. Es wird sich รผber ihren eigenen Willen, ihr Selbstbestimmungsrecht, ihre Vorstellungen und ihre freiheitlichen Rechte immer noch in einer von Adultismus geprรคgten Weise hinweggesetzt, ohne ihnen ihre Rechte vollumfรคnglich zu gewรคhren.

Junge Menschen in Bayern, die sich selbstbestimmt und frei bilden wollen, berufen sich auf das Grundgesetz (Art. 1 GG und Art 2 GG), das Bรผrgerliche Gesetzbuch (ยง1631 BGB Recht auf gewaltfreie Erziehung), auf Internationale Konventionen zum Schutz der Rechte von Kindern und auf die Menschenrechte (Artikel 13 des UN-Sozialpakts und EU Charta der Grundrechte der Europรคischen Union Artikel 14 – Recht auf Bildung).

ยง1631 BGB Recht auf gewaltfreie Erziehung

(2) Das Kind hat ein Recht auf Pflege und Erziehung unter Ausschluss von Gewalt, kรถrperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen und anderen entwรผrdigenden MaรŸnahmen.

Artikel 13 des UN-Sozialpakts:

(1) Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden auf Bildung an. Sie stimmen รผberein, dass die Bildung auf die volle Entfaltung der menschlichen Persรถnlichkeit und des Bewusstseins ihrer Wรผrde gerichtet sein und die Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten stรคrken muss.

Die Argumentationen werden jedoch von Verwaltungsbehรถrden und Gerichten รผbergangen, die Familien finanziell bestraft oder ihnen mit dem Entzug des Sorgerechts gedroht. Statt die individuell von den jungen Menschen gewรคhlten Bildungswege anzuerkennen und zeitgemรครŸe Mรถglichkeiten zu schaffen, werden den jungen Menschen Verhaltensauffรคlligkeiten diagnostiziert, oder ihnen Schulverweigerung, Schulangst oder Faulheit vorgeworfen. Ihr grundrechtlich geschรผtztes Recht auf Selbstbestimmung und ihr Streben nach Autonomie (fehlende Bereitschaft zur Unterwerfung) wird als Ungehorsam/Verhaltensauffรคlligkeit wahrgenommen oder sogar als psychische Krankheit eingeordnet.

Aus unserer Sicht stellt es einen nicht akzeptablen Zustand dar, dass Mรผtter und Vรคter kriminalisiert werden, die lediglich die Rechte und den Willen ihrer Tรถchter und Sรถhne respektieren und sie in ihrer Persรถnlichkeit achten.

Was ist zu tun?

Es ist sicherzustellen, dass junge Menschen, die sich auรŸerschulisch bilden, sowie deren Familien nicht kriminalisiert und in ihren Rechten eingeschrรคnkt und bestraft, sondern stattdessen hinsichtlich ihrer individuellen Wahl des Bildungswegs auch von staatlicher Seite unterstรผtzt werden.

Mรถglichkeiten der Unterstรผtzung von staatlicher Seite wรคren beispielsweise:

  • Demokratische Prozesse anzustoรŸen, die eine auรŸerschulische Bildung ermรถglichen.
  • Ins Schulgesetz auch auรŸerschulische bzw. informelle Bildungsmรถglichkeiten aufzunehmen.
  • Streichung der Absรคtze zur Schulpflicht/des Schulzwangs aus dem bayerischen Schulgesetz.
  • Etablierung eines pluralistischen und zeitgemรครŸen Bildungssystems mit Legalisierung auรŸerschulischer Bildungsmรถglichkeiten.

Gern treten wir mit Ihnen in den Dialog und suchen gemeinsam nach Mรถglichkeiten, die Situation der jungen Menschen, die sich selbstbestimmt bilden mรถchten, und ihrer Familien zu entkriminalisieren. รœber einen Terminvorschlag per Mail an freilerner.bayern@bvnl.de freuen wir uns sehr.

Sie sehen im Anhang eine Literaturliste, welche wir Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen ans Herz legen, um sich mit alternativen Bildungsformen, informellem Lernen und selbstbestimmter Bildung auseinanderzusetzen. Es freut uns, wenn diese Literaturliste zum Austausch รผber unser Anliegen anregt.

Mit freundlichen GrรผรŸen

Lernen ist Leben! Bundesverband Natรผrlich Lernen e.V. / Aktivgruppe Bayern

Literaturempfehlungen:

  • Olivier Keller, Denn mein Leben ist Lernen โ€“ Wie Kinder aus eigenem Antrieb die Welt erforschen, 1999 & Neuauflage 2023
  • Ron Miller, Creating Learning Communities: Models, Resources, and New Ways of Thinking
  • About Teaching and Learning, 2000
  • Gรผnther Dohmen, Das informelle Lernen – Die internationale ErschlieรŸung einer bisher vernachlรคssigten Grundform menschlichen Lernens fรผr das lebenslange Lernen aller, Bundesministerium fรผr Bildung und Forschung, Bonn, 2001 | https://ams-forschungsnetzwerk.at/downloadpub/das_informelle_lernen.pdf
  • Stefanie Mohsennia, Schulfrei: Lernen ohne Grenzen, 2004
  • Tony Jeffs und Mark K. Smith, Informal Education: Conversation, Democracy and Learning, 2005
  • Jan Edel, Schulfreie Bildung, รœber die Vernachlรคssigung schulfreier Bildungskonzepte inDeutschland, 2007
  • Mark Webster, Personalised Learning. 2008
  • Anke Caspar-Jรผrgens, Lernen ist Leben – Die Familienschule: Wie Schule sein kรถnnte, wenn das Lernen frei wรคre, 2012
  • Hรผther, Gerald & Hauser, Jedes Kind ist hochbegabt, 2014
  • Clara Bellar, Being and Becoming, DVD OmU, 2014 | http://www.etreetdevenir.com
  • Peter Gray, Befreit Lernen โ€“ Wie Lernen in Freiheit spielend gelingt, 2015
  • Alan Thomas & Harriet Pattison, Informelles Lernen โ€“ Wie Kinder zu Hause lernen, 2016
  • Franz Reimer, Schulpflicht fรผr alle โ€“ Zweck oder Mittel? Der verfassungsrechtliche Rahmen fรผr schulische Bildung und Chancen(un)gleichheit vor und nach der Pandemie, 2021 | https://www.pedocs.de/volltexte/2022/23882/pdf/DDS_2021_4_Reimer_Schulpflicht_fuer_alle.pdf
  • http://homeschooling-forschung.de/Material/Buchinfo%20Spiegler%20HE%20in%20D.pdf

Weitere Informationen zum BVNL e.V. unter: https://bvnl.de/

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